Hundetraining… im Tierheim

Vor kurzem wurde ich gefragt, welche Übungen ich mit Hunden mache, die im Tierheim leben, und wie der Ablauf eines Trainings aussieht.

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Grundsätzlich ist es für mich wichtig, Hunden Alltags-Kompetenzen zu vermitteln. Das hilft einerseits einmal direkt bei der Vergabe, denn je mehr ein Hund kann, desto besser vermittelbar ist er. Aber auch je mehr Strategien ein Hund gelernt hat und je zielgerichteter er auf ein zukünftiges Leben in einem Privathaushalt vorbereitet wird, desto besser wird es ihm selbst im neuen Zuhause gehen (und auch den Menschen).

 

 

Hier eine (unvollständige) Liste an Trainingsmöglichkeiten für Hunde, die im Tierheim leben. Nicht alles ist für jeden Hund gleich wichtig, nicht jeder Hund muss alles können!!!

 

  • Clickertraining / Markertraining: Klare und eindeutige Kommunikation für Hund (und Mensch). So hat der Hund die Chance, möglichst schnell verstehen zu können, was erlernt werden soll (und sinnvoll ist). Schnelligkeit im Training per se ist zwar kein Kriterium im Training, das über die Qualität etwas aussagt, aber je effektiver das Training (und damit der Fortschritt des Hundes), desto besser für den Hund: besonders empfehlenswert bei Hunden im Tierheim, wenn mehrere Personen mit dem Hund umgehen; Futter als Verstärker, zusätzlich Weggehen als Verstärker einsetzen (je nach Übung)S2550008
  • Click für Blick (mit dem Ziel: Selbstständiges Abwenden) –> eher auf Gefühlsebene unterstützen
  • Umorientierungssignal (mit dem Ziel: Selbstständiges Abwenden) –> eher auf Verhaltensebene unterstützen
  • Selbstständiges Abwenden von Reiz –> Futter als Verstärker, eventuell Weggehen als Verstärker einsetzen
  • Geschirrgriff / Anspannung an Leine positiv verknüpfen –> Assoziiert der Hund den Griff ins Geschirr/Leinenspannung mit der Aufregung einer Hundebegegnung, ist es notwendig, daran in ruhigen Situationen ohne Auslöser zu trainieren, sodass der Hund mit Geschirrgriff/Leinenspannung etwas Positives verknüpft.
  • Maulkorb-Training: Absolutes Muss bei Hunden in der Stadt (Hundeführschein, Sachkundenachweis) oder Hunden, die Aggressionsverhalten zeigen
  • Decken-Training: Hilfe in unbekannter Umgebung (Tierarzt, …), Sicherheitsort für ängstliche Hunde, etc…
  • Weiter: An Auslösereiz vorbeigehen
  • Sitz: Hilfreich für viele Situationen (Suchspiele, Hundebegegnung, durch Tür gehen, etc…)
  • Bleib: Hilfreich für viele Situationen (Suchspiele, durch Tür gehen, etc…)
  • Erwünschtes Verhalten gezielt belohnen/fördern: jeder Hund zeigt vor unerwünschtem Verhalten etwas Erwünschtes – das ist anzuerkennen und zu fördern!_DSC2232
  • Unerwünschtes Verhalten verhindern / Management: Situationen, die unerwünschtes Verhalten auslösen, vermeiden (zB. Direktkontakt mit anderen Hunden, bis Trainingslevel erreicht ist)
  • Aus unerwünschtem Verhalten raushelfen: Das Leben ist kein Wunschkonzert, wenn der Hund Unerwünschtes zeigt – aktiv raushelfen!
  • In erster Linie gute Zeit haben: Leistung ist zweitrangig
  • Wohlfühlbudget auffüllen: Hundedinge machen ohne Beeinflussung vom Menschen, Leckerli-Suchen, Beutespielchen, Streicheln, Massage, … je nach Hund und Trainingslevel.

 

 

Ganz allgemein kann ein 45-60-Minuten-Training – je nach Trainingslevel und Situation flexibel änderbar – aus folgenden Abfolgen bestehen:

 

Beispiel für Tierheim-Hund Strolchi, seit 1 Woche im Tierheim, Trainingsbeginn:

 

  • Hund seine Erledigungen machen lassen – sich lösen, schnüffeln, laufen – bis er zeigt, dass er „bereit“ ist
  • Übung Nr. 1: Clicker konditionierenS2370018
  • Pause – sich lösen, schnüffeln, laufen, ohne Aktivität des Menschen (wenn Hund soweit ist – Kuschelpause)
  • Übung Nr. 2: Decken-Training
  • Pause – sich lösen, schnüffeln, laufen, möglichst ohne Aktivität des Menschen (wenn Hund soweit ist – Kuschelpause)
  • Übung Nr. 3: Decken-Training
  • Ruhiges Ende des Trainings  – Futter suchen zB. (wenn Hund soweit ist – Kuschelpause)

 

Beispiel für Tierheim-Hund Struppi, seit 4 Monaten im Tierheim, Training 1 mal pro Woche:

 

  • Hund seine Erledigungen machen lassen – sich lösen, schnüffeln, laufen – bis er zeigt, dass er „bereit“ ist
  • Übung Nr. 1: Hunde-Begegnungstraining (Click für Blick, Umorientierungssignal, Selbstständiges Abwenden)
  • Pause – sich lösen, schnüffeln, laufen, ohne Aktivität des Menschen (wenn Hund soweit ist – Kuschelpause)0041
  • Übung Nr. 2: Decken-Training Innenraum als Vorstufe zum Tierarzt-Training
  • Pause – sich lösen, schnüffeln, laufen, möglichst ohne Aktivität des Menschen (wenn Hund soweit ist – Kuschelpause)
  • Übung Nr. 3: Sitz-Bleib-Suchspiele im Auslauf
  • Ruhiges Ende des Trainings  – Futter suchen zB. (wenn Hund soweit ist – Kuschelpause)

 

 

 

Die Übungen können, aber müssen nicht dieselben (in unterschiedlicher Schwierigkeit) sein – das hängt sowohl vom Hund, vom Trainingslevel als auch von der Tagesverfassung ab. Was den Ort betrifft, der hängt natürlich von den Übungen ab, kann aber durchaus gewechselt werden. S3170065

 

 

 

Die beiden oben genannten Beispiele dienen auch nur zur Orientierung, keine Regel ohne Ausnahme: Ein Social Walk kann natürlich nicht den beschriebenen Abläufen entsprechen.

 

 

 

 

Wichtig im Training allgemein ist es, nicht krampfhaft ein Ziel zu verfolgen, sondern das Training an den Hund anzupassen:

 

Keep it simple! – dem Hund einfach zeigen, wie er sich sinnvoll verhalten könnte. S2370011

Keep it fun! – denn am Besten und Schnellsten lernt Hund (und Mensch), wenn es Spaß macht. Und dann werden die Grenzen zwischen Übungen und Pausen, Training und Alltag fließend – bis man nur noch auf die Rahmenbedingungen achtet und den Hund für selbstständig gezeigtes erwünschtes Verhalten belohnt.

Weniger ist mehr! – ein schlechter Tag, ungute Stimmung? Dann ist ein Spaziergang alleine oder nur im Auslauf laufen absolut ausreichend. Wichtig ist, dass der Hund eine gute Zeit erlebt, wenn er aus dem Zwinger draußen ist!

 

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Diese Art von Umgang und Training bringt selbstbewusste und humorvolle Hunde hervor,

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  • die auf gute Ideen ohne Anleitung kommen,
  • die jederzeit ansprechbar und damit
  • umlenkbar (Alternativverhalten) sind, wenn nötig,
  • und die gelernt haben, (ihren) Menschen und deren Entscheidungen zu vertrauen.

 

 

 

So lernte auch Marlo (er ist übrigens noch zu haben 🙂 ), der lange Zeit sozial isoliert (sowohl von Hunden als auch Menschen) lebte, dass beispielsweise Hundebegegnungen

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  • kein Grund zur Aufregung sind,
  • er sogar ohne Anleitung bzw. Hilfestellung seiner Trainerin Direktkontakt mit einer Hündin hatte,
  • 100% ansprechbar war,
  • sich selbstständig abwenden konnte und 
  • positives Sozialverhalten zeigte,

 

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und dass Besuche beim TierarztS2370053

 

 

  • kein Grund zur Aufregung sind,
  • bestimmte Übungen mit sich bringen, die wie ein Trick gelernt wurden und
  • keine unangenehmen Zwangshandlungen erfordern.

 

 

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Und last but not least: Hunde im Tierheim sind normalerweise einem höheren Stresslevel ausgesetzt als Privathunde. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie deswegen nicht lernen können – Genau sie brauchen eine gute Trainingsunterstützung, damit es ihnen besser geht und sie Kompetenzen lernen – für’s Leben!

 

Interesse geweckt? 🙂

Mehr dazu gibt es selbstverständlich in Fortbildungen und Seminaren mit Canis sapiens speziell zum Thema Tierheime – Beratung und Schulung: http://canis-sapiens.at/tierheime-beratung-und-schulung/

Einfach anfragen unter u.aigner@gmail.com 🙂